21. Februar 2017

Über Alexander von Humboldt

Humboldt, der berühmte deutsche Forscher des 19.Jahrhunderts, ist dank Andrea Wulfs Biographie mit dem Titel „Die Erfindung der Natur“ wieder in – aktuell Platz 4 der Spiegel-Bestseller Liste. Wulfs Ansatz: Humboldt, Genie und "Superstar" seiner Zeit, ist zu unrecht (in Großbritannien und den USA) vergessen, und das muss sich ändern. Ihre Begeisterung für den Naturforscher ist ansteckend, sie wandelte sogar auf seinen Spuren im Urwald und auf dem Orinoko. Aber sie schießt auch über das Ziel hinaus: Es gibt mehrere Kapitel, in denen es gar nicht um Humboldt geht, sondern um andere Forscher, die er mehr oder weniger beeinflusste. Bizarr.
Und dann ist da noch was: So faszinierend Humboldt war, Wulf kann nicht richtig erklären, warum. Sie schreibt von ganzheitlichen Ideen des Forschers, von seiner frühen Erkenntnis, dass Menschen die Umwelt zerstören. Und dass er eine Art erster Umweltschützer und Vorreiter der Ökologie, überhaupt ein moderner Vordenker gewesen sei. Sie wiederholt das immer wieder, ohne sich genauer zu erklären. Daher meine Frage: Was und wer war Alexander von Humboldt genau? 

Auf seiner Südamerika-Reise (1799-1804) untersuchte Humboldt alles: Boden, Pflanzen, Tiere, Menschen, er machte astronomische Beobachtungen, vermaß das Gelände, analysierte Vulkanaktivitäten. Das wirkt furchtbar interessant, weltgewandt und wichtig. Humboldt war das alles auch, nur tut sich hier ein fast schon philosophisches Problem auf: Arbeite ich umfassend (holistisch), oder werde ich Experte für bestimmte Gebiete? Ersteres hilft, den Überblick zu bewahren und Zusammenhänge zu verstehen, letzteres gewinnt wirklich neue Erkenntnisse. Ein stückweit konnte Humboldt zwar beides, allgemein sein und speziell zugleich, doch sein Ansatz blieb umfassend. In seiner Zeit genügte das, jemand wie ihn nannte man Naturforscher oder -philosoph: Er entdeckte zum Beispiel neue Pflanzen, förderte durch seine Kenntnisse den Bergbau (er sagte etwa korrekt Lagerstätten für Edelsteine voraus) und entdeckte Meeressströmungen, zum Beispiel den nach ihm benannten Humboldtstrom vor Südamerika. Aber Humboldt war kein Volta und auch kein Darwin. Sein Ansatz des ganzheitlichen „Naturgemäldes“ hat etwas altbackenes, als datierte es aus dem 18. Jahrhundert. Es erscheint nicht modern, wie Wulf schreibt, sondern eher darstellend und ordnend. Aber irgendwie hängt immer alles mit allem zusammen. Wichtig, darauf hinzuweisen ja, aber auf Dauer bringen spezifische Kenntnisse weiter.
Was die Autorin nicht ein einziges Mal schreibt: Humboldt war vor allem ein Begründer der modernen Geographie. Der geographische Ansatz ist ganzheitlich, genau wie Humboldts, weil er letztlich alles behandelt, was im Raum vorkommt. Von der Geographie sagt man daher auch, sie sei ein Pfannenfach. Breit, aber nicht wirklich tief. 
Die Geographie hat tendenziell mehr aufklärerische Bedeutung, als dass sie an der Forschungsfront Wissen schafft. Im heutigen Zeitalter der Softwareingenieure, der Genetiker und Neuropsychologen ist das nützlich, wir brauchen Generalisten für den Überblick mehr denn je, deswegen ist Wulfs Humboldt auch so beliebt. Aber auch schon damals wollten Menschen die Welt erklärt haben. Humboldt konnte das, und das war sein wahrer Wert. 
Er war ein Weltenerklärer und brachte mit seiner Weltgewandtheit Glanz in die Hütte. Und Licht: Seine Berliner Vorlesungen von 1827/1828 waren eine gesellschaftliche Sensation. Humboldt war der richtige Mann zur richtigen Zeit: Vor 200 Jahren befeuerte die Aufklärung die Forschung und ständig gab es neue Erkenntnisse, eigentlich wurde erst jetzt die Welt aus dem Mittelalter geholt. Im Englischen heißt Aufklärung ja "Enlightenment", ein schöner Begriff: Es scheint, als ginge den Menschen damals ein Licht auf. Das Forschen war noch voller Unschuld: Humboldt, auch von Goethe beeinflusst, wollte kein trockener Empiriker sein, sondern auch Leidenschaft und Poesie wecken. Damit ist er (mit anderen) eine repräsentative Figur des Zeitalters: Er feierte den Sieg des Glaubens an Fortschritt, auch mit romantischen Mitteln. Sein wissenschaftlicher Ansatz des "Naturgemäldes" passend zur Zeit war romantisch.
Weil Wulf solche Facetten nur rudimentär behandelt, hat man aber den Eindruck, als feiere sie Humnoldt bloß, weil er ein Star war. Er selbst wußte darum und inszenierte sich. Der preußische Forscher verkehrte mit tausenden Menschen brieflich, kannte die meisten führenden Forscher und viele Herrscher und Könige. Er war vernetzt, privilegiert und hielt was auf sich. Wulf sieht zwar seine Unzulänglichkeiten, aber, so sagt sie frei, so schien er ihr nur noch interessanter. Diese Einstellung ist manchmal nicht weit von der Auffassung entfernt, Beyoncé ist toll, weil sie ein Star ist.
Damit können wir Humboldt aber nur schwer greifen. Warum ist etwa Thaddäus Haenke nicht genauso interessant wie er? Geleistet hat er ähnliches: Haenke war ein österreichischer Gelehrter, der zur selben Zeit wie Humboldt und wesentlich länger in Südamerika lebte und forschte. Er entdeckte Pflanzen wie Humboldt, optimierte wie er Verhüttung und Bergwerke und führte die Pockenimpfung in Südamerika ein. Wulf verliert kein Wort über ihn. Haenke hatte nicht die Verbindungen von Humboldt, bzw. er lebte nicht lange genug, um berühmt zu werden, (er starb in den revolutionären Wirren Südamerikas 1816). Humboldt meinte zurecht, seine  eigene Berühmtheit läge auch daran, dass er so alt geworden sei: Er starb erst 1859, mit fast 90 Jahren.
Mindestens für den deutschen Markt wäre es auch schön gewesen, wenn Wulf Kehlmanns (welt-)berühmten Roman „Die Vermessung der Welt“ über Humboldt und Gauß angesprochen hätte. Inwiefern ist Kehlmanns satirisches Bild treffend? So streiten sich andere drüber. Der Humboldt-Forscher Frank Holl verurteilte etwa Kehlmann für seinen groben Umgang mit der Ikone.*
Andrea Wulf betreibt ein stückweit Inszenierung. Ihr Hype um Humboldt ist eben auch medienthematisch interessant. Ich glaube, Andrea Wulf weiß das womöglich alles. Sie hat keine klassische Biographie geschrieben, sondern ein Buch, das Humboldt wieder bekannt machen soll, zugeschnitten für den englischsprachigen Markt. Die Leser mögen das und wer mit soviel Hingabe schreibt, hat den Erfolg verdient. Auch wenn ich mir mehr Erkenntnis gewünscht hätte.   

* Ich habe zufällig einen Widerspruch Holls gefunden: Er nimmt Kehlmann übel, dass er Humboldt sagen läßt: „Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei. Die größte jedoch die Idee, er stamme vom Affen ab.“ Das fände sich laut Holl nirgendwo in den Schriften Humboldts wieder. In den oben beschriebenen „Kosmos“-Vorträgen von 1827/1828 habe ich es aber entdeckt: Humboldt trägt die Behauptung vor, der Mensch stamme vom Orang-Utan ab, eine Kette, die „über den Waldneger und die Hottentotten“ verlaufe (Seite 142). Etwas, was Humboldt noch vor der Sklaverei als größte Erniedrigung des Menschen ansieht. (Die Vorlesung ist nicht von Humboldt selbst erhalten, es ist eine Mitschrift.)

Kommentare:

  1. Wissenschaftliche Entdeckung bedeutete damals auch, sich einen Überblick schaffen und Ertragreiches sammeln. Keine 30 Jahre vorher hatten Kapitän Cook auf der wohl berühmtesten Entdeckungsreise ein ganzes Team von Botaniker und Zeichnern unter Banks begleitet. Sie brachten Eucalyptus und andere Pflanzen nach England. Sie kartografierten und machten die kleine Pirateninsel so zur Weltmacht. Wer Geografie also despktierlich als Pfannenwissenschaft betrachtet vergisst, dass sie damals handfeste Machtpolitik betrieb. Das interessierte Humboldt nicht. Vielleicht wird er deshalb im Angelsächsischen - ganz im Gegensatz zum Lateinamerikanischen - ignoriert.
    Stark: Die Quellenergänzung zu Holls.

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